Unruh, Hans Victor von

 

  • geb. 28.3.1806 in Tilsit (Ostpreußen)
  • gest. 4.2.1885 in Dessau

Deutscher Politiker; legte bei Karl Friedrich Schinkel sein Baumeisterexamen ab, ohne jedoch anschließend bei ihm zu arbeiten; vielmehr unternahm er Studienreisen nach England und Frankreich. Nach seiner Rückkehr wurde er trat er in den preußischen Staatsdienst und wurde Wasserbauinspektor bei der Regierung in Breslau. Ab 1844 ließ er sich aus dem Staatsdienst beurlauben, um als verantwortlicher technischer Leiter den Bau der Eisenbahnstrecke von Potsdam nach Magdeburg zu übernehmen. Zwei Jahre später wurde er vom Magdeburger Oberbürgermeister Franke aufgefordert, für die Eisenbahn die Planung und den Bau der Strecke von Magdeburg nach Wittenberge zu übernehmen; um Erfahrungen für den Bau der Brücke über die Elbe bei Wittenberge zu gewinnen, begleitete er August Borsig nach Belgien, Frankreich und England. 1848 wurde er in die preußische verfassungsgebende Versammlung gewählt, deren Präsident er vom 28.10. bis 5.12. war. 1849 wurde er in die zweite Kammer des Preußischen Landtags gewählt. Nach dessen Auflösung war er politischen Repressalien in Preußen (insbesondere vom Handelsminister von der Heydt) ausgesetzt. So werden Verordnungen direkt auf seine Person zugeschnitten und die Wahl zum Magdeburger Oberbürgermeister verhindert. 1851, auf dem Höhepunkt der Anfeindungen durch den preußischen Staat, verließ er die Politik und wechselte in die Industrie über und gründete zusammen mit Wilhelm Oechelhaeuser die Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft (Conti) in Dessau. 1859 war er Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins und später der Deutschen Fortschrittspartei (von 1861 bis 1863 erster Vorsitzender). Von 1863 bis 1873 war er Mitglied der zweiten Kammer des preußischen Abgeordnetenhauses. 1866 söhnte er sich mit Otto von Bismarck aus, der die Liberalen für seine Politik der "Revolution von oben" braucht. 1867 gründete er zusammen mit R. von Benningsen die Nationalliberale Partei.

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Bild: Martina Schulz

Dessau, Alter Friedhof I

Menderes, Adnan

 

  • geb. 1899 in Aydin
  • gest. 17.9.1961 auf der Insel Imrali

Türkischer Politiker; war 1946 Mitbegründer der Demokratischen Partei, die am 14.5.1950 die ersten wirklich freien Wahlen mit überwältigender Mehrheit gewann, und von 1950 bis 1960 Ministerpräsident. Infolge der zunehmend autoritären Machtausübung der Regierung und ihres immer weitergehenden Abweichens von den Prinzipien Atatürks kam es am 27.5.1960 zur Machtübernahme durch das Militär. Allen Ministern und Abgeordneten der gestürzten Regierung wurde von 1960 bis 1961 der Prozeß gemacht. 15 Todesurteile wurden verhängt, drei vollstreckt, und zwar gegen Menderes sowie die Minister Zorlu und Polatkan. Schon bald begann eine Rehabilitierung im öffentlichen Bewußtsein, seit den 1980er-Jahren auch ganz offiziell: Straßen wurden nach Adnan Menderes benannt, eine Universität in seiner Heimatstadt und der internationale Flughafen von Izmir. Er und die beiden anderen 1961 hingerichteten wurden am 17.9.1990 (dem 29. Jahrestag seiner Hinrichtung) mit einem Staatsakt vor den Stadtmauern von Istanbul in das für sie errichtete “Anit Mezar” (etwa: Grabmonument) überführt.

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Bild: Dr. Hans-Peter Laqueur (04/2001)

Istanbul, Anit Mezar

Bilder: Claus Harmsen (stones&art, 03/2007)

Kelly, Petra Karin née Lehmann

  Quelle: de.wikipedia

  • geb. 29.11.1947 in Günzburg
  • gest. 1.(?) 10.1992 in Bonn

Deutsche Politikerin; die Stieftochter eines US-amerikanischen Offiziers, der in Deutschland stationiert war und mit der Familie in die USA zurückgekehrt war, war nach ihrer Heimkehr in die Heimat 1971 als Beamtin bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel tätig. Kelly, seit Anfang der 1970er Jahre Mitglied des BBU und später dessen Vorstand, war bis 1979 Mitglied der SPD, trat dann aus der Partei aus, wurde und im gleichen Jahr Gründungsmitglied der Partei “Die Grünen” sowie von 1980 bis 1982 eine ihrer Vorsitzenden. Nachdem die Grünen 1983 mit 5,6 Prozent der Stimmen den Sprung in den Deutschen Bundestag schafften, war sie bis zu ihrem Ausscheiden 1990 dessen Mitglied. Kelly engagierte sich besonders in der Friedens-, Menschenrechts- und Ökologiebewegung (erhielt 1982 den alternativen Nobelpreis). Am 19.10.1992 wurde sie zusammen mit ihrem Mitstreiter und Lebensgefährten Gert Bastian tot aufgefunden; die Staatsanwaltschaft ging davon aus, daß Kelly von Bastian erschossen wurde, der sich anschließend selbst tötete.

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Bakunin, Michail Alexandrowitsch

  (~1863)

  • geb. 30.5.1814 in Prjamuchino (Gebiet Twer)
  • gest. 1.7.1876 in Bern

Russischer Revolutionär und Theoretiker des Anarchismus; altem Landadel entstammend, wandte er sich nach dem Besuch der Petersburger Artillerieschule (1828-33) und seinem Abschied aus dem Offiziersdienst (1835) im Kreis der Moskauer “Westler” philosophischen Studien zu (Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel). Seit 1840 lebte Bakunin in Berlin, 1842 ging er nach Dresden, 1843 in die Schweiz und 1844 nach Paris, wo er mit Pierre Joseph Proudhon und Karl Marx in Verbindung kam. 1848 nahm er am Slawenkongreß in Prag teil. Wegen seiner Mitwirkung am Dresdner Aufstand (Mai 1849) wurde er von Gerichten in Sachsen und Olmütz (heute Olomouc, Tschechien) zum Tod verurteilt, vor der Vollstreckung des Urteils jedoch 1851 nach Rußland ausgeliefert, wo er in Sankt Petersburg in der Peter-und-Paul-Festung inhaftiert wurde. Dort verfaßte er auf Aufforderung des Zaren Alexander I. seine vielumstrittene “Beichte”, in der er seine Ansichten über die Revolution niederlegte; die Todesstrafe wurde aufgehoben, Bakunin 1857 nach Sibirien verbannt. 1861 konnte er jedoch fliehen und ging über Japan und die Vereinigten Staaten nach London, wo er von 1862 bis 1863 mit Alexander Iwanowitsch Herzen (*1812, †1870) zusammenarbeitete und sich an der Planung des polnischen Aufstand von 1863 beteiligte. Während seines anschließenden Aufenthaltes in Italien (1864-67) bildeten sich seine anarchistischen Grundauffassungen heraus. 1868 trat er der Ersten Internationalen bei, wurde aber 1872 wegen seiner stärkeren Zuwendung zum Anarchismus und des Bruchs mit Marx wieder ausgeschlossen. Zeitweise stand er sogar mit dem Verfechter des Terrorismus, Sergei G. Netschajew (*1847, †1882), in Verbindung. Im Gegensatz zu Marx forderte Bakunin einerseits die Abschaffung jeglicher staatlicher Obrigkeit, aller politischer, sozialer und auch religiöser Institutionen, andererseits die Schaffung einer Föderation unabhängiger bäuerlicher und industrieller Zusammenschlüsse.

Inschrift: Rappelez-vous de celui qui sacrifia tout pour la liberté de son pays (Erinnern Sie sich an jenen, der alles für die Freiheit seines Landes opferte).

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Bern, Bremgartenfriedhof

Baade, Fritz

 ca. 1960

 

  • geb. 23.1.1893 in Neuruppin
  • gest. 15.5.1974 in Kiel

Deutscher Politiker und Wirtschaftswissenschaftler; nach Studien der Volkswirtschaft, Medizin, Theologie und weiterer Fächer in Göttingen, Berlin, Heidelberg und Münster und Wehrdienst als Soldat im Ersten Weltkrieg wurde er 1918 Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates in Essen. Nach der Promotion in Göttingen war er ab 1925 hauptamtlich für die SPD und den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) mit Schwerpunkt Agrarpolitik tätig. 1929 wurde er in das Reichsernährungsministerium als Leiter der "Reichsforschungsstelle für landwirtschaftliches Marktwesen", Reichskommissar der "Deutschen Getreide-Gesellschaft" und Vorsitzender der "Deutsch-Polnischen Roggenkommission" berufen und war von 1930 bis 1933 Reichtagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Magdeburg. Unter Reichskanzler Heinrich Brüning 1931 gehörte er zu den Autoren des vom ADGB initiierten “WTB-Plans” (Akronym, gebildet aus den Namen der Autoren: Woytinsky, Tarnow, Baade), dessen Ziel der Abbau der Massenarbeitslosigkeit war, indem durch kreditfinanzierte Staatsinvestitionen in Höhe von 2 Milliarden RM eine Wiederbelebung der Konsumgüterindustrie erreicht werden sollte. Nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 arbeitete er zunächst erneut als Landwirt, ehe er 1935 vom türkischen Wirtschaftsministerium engagiert wurde (bis 1939). Bis 1946 war er als privater Wirtschaftsberater in der Türkei tätig, anschließend bis 1948 als freier Publizist in den USA. 1948 wurde er in den Verfassungskonvent von Schloß Herrenchiemsee berufen, und von 1949 bis 1965 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Von 1948 bis 1961 war er der Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und nach seiner Emeritierung Direktor des Forschungsinstituts für Wirtschaftsfragen der Entwicklungsländer. Baade war Aufsichtsratsmitglied der Howaldt-Werke AG, Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft, Senator der Fraunhofer-Gesellschaft und Kuratoriumsmitglied der Deutsche Ibero-Amerika-Stiftung.

mit Theodor Heuss in Kiel (ca. 1952)

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Bilder: Dr. Hans-Peter Laqueur

Kiel, Nordfriedhof

Bild: Dr. Hans-Peter Laqueur

Auer, Ignaz

 

  • geb. 19.4.1846 in Dommelstadt b. Passau
  • gest. 10.4.1907 in Berlin

Deutscher Politiker; der Sohn eines Fleischermeister 1869 trat nach dem Besuch des Volksschule, einer eine Ausbildung zum Sattler von 1859 bis 1863 und einer Wanderschaft durch Deutschland und Österreich 1869 in die Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) ein. Auf dem Kongreß der SDAP 1878 in Eisenach wurde er in die Programmkommission gewählt. Er war maßgeblich an den Einigungsverhandlungen mit den sogenannten Lassalleanern beteiligt. Auf dem Gothaer Vereinigungskongreß 1875 wurde er in die Funktion eines der beiden Parteisekretäre gewählt, ein Amt, das er bis Ende 1877 ausübte. Anfang 1877 wurde Auer erstmals Mitglied des Reichstags (MdR); er gehörte diesem ferner 1878, 1880/1881, sowie von 1884 bis 1887 und von 1890 bis 1906 an. Aufgrund im Sinne des Sozialistengesetztes von 1878 illegaler Aktivitäten wurde der "bajuwarische Dickschädel" (Rosa Luxemburg), aus Berlin ausgewiesen, anschließend auch aus Hamburg (im Oktober 1880) und aus Harburg (im März 1881). Nach München übergesiedelt, wurde er dort 1886 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der St. Gallener Parteitag wählte ihn 1887 neben August Bebel und Wilhelm Liebknecht in die Kommission zur Ausarbeitung eines neuen Parteiprogramms.

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Berlin, Zentralfriedhof Friedrichsfelde

Bilder: Stadtwanderer (2007) flickr.com/photos/stadtwanderer
Politiker XLV